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 Frau zwischen Leben und Tod



Wie er dasteht der Alte und er der Sohn des Alten wie sie breitbeinig dastehn und auf sie einschlagen zu zweit auf sie einschlagen zwei mit einer dicken Eisenstange und lang ist die Stange gleichmäßig nein kein Holz niemals Holz so gleichmäßig und brüllen und schlagen auf sie ein wenn's wenigstens Holz wär' dreschen auf sie ein auf die Frau auf die Frau des Sohns des Alten weil sie säuft oder warum da muss mehr sein ihre Scheiße versäuft mit ihren 40 Jahren und acht Kindern säuft oder warum da muss mehr sein eins totgefahr'n vom Sohn des Alten säuft und in der Ecke liegt oder warum da muss mehr sein wie sie eindreschen auf sie wie Vieh wie Vieh im alten Stall wo früher mal Rinder war'n und jetzt nur der Abfluss noch die Rinne für die Pisse da liegt sie wo der Sohn des Alten oft pinkelt kann jeder seh'n wie er pisst da liegt sie wo seine Pisse sonst läuft an der Stelle da schlagen sie da liegt sie und wie es da steht das Mädchen sechs Jahr' alt das Mädchen und durch's dreckige Kellerfenster schaut und nicht glauben kann und heult und sich wegstiehlt und heult und das vergisst und vergessen muss und vergessen muss und wie es jetzt dasteht das Mädchen unter der Dusche mit 31 das Mädchen und sich die Bilder aus dem Kopf duschen will die Scheiße aus dem Hirn seit 12 Jahren erinnert es sich wieder die Stange das Schlagen Vollmarstein Vollmarstein sie schicken die Frau nach Vollmarstein stigmatisiert in Entziehungskur Erziehungskur und das Mädchen bei der Halbschwester der Frau und der Bruder beim Halbbruder der Frau des Sohns des Alten und warum das alles das Mädchen bei der Tante nur fünf Minuten weit weg und der Bruder beim Onkel nur zehn Minuten und nie geht das Mädchen nach Haus' die paar Schritt in der Zeit bei der Tante warum nicht und duftende Seife bei der Tante und Ruhe und Sorgfalt und gutes Essen und Ruhe und lernt Strickliesel und Ruhe und Ruhe und Malzbier gegen die Angst und Ruhe und Mädchen vergiss die Zeit die Zeit bei der Tante musst ja zurück vergiss die Zeit seit 12 Jahren erinnert es sich wieder das Mädchen das Mädchen schleckt die Teigschüssel aus bei der Tante und Ostern im Schnee der Ranzen bei der Tante bei der Tante Ostern im Schnee die weiß was und warum und Ei mit Maggi bei der Tante die weiß alles die sagt nichts die schlägt nur die Augen nieder die weiß genau warum und wie sie zurückkommt die Frau ins Kuhdorf zurück und gebrandmarkt lammfromm in die so plötzlich von den Alten getrennte Küche so plötzlich warum neuer Anfang großer neuer Anfang warum das alles ach die Alten sind's sie selbst liebt ja Blumen die Frau und macht jetzt und tut und das Mädchen liebt sie so mit Blumengarten liebt sie so und die Frau mag Margriten und das Mädchen die Frau mit den Blumen nicht nur stinkender Kohl und Dreck und Gestank die kann Apfelstrudel die Frau und wie wir die Zähne auf einmal putzen zu der Zeit und dann das Alte sie säuft die Frau klaut billigen Fusel im Laden die Frau in gelben Plastikflaschen der Schnaps so geschickt wie sie's macht wie sie kauft was im Lager geholt werden muss und steckt zwei gelbe Flaschen ein und das Mädchen das Mädchen steht dabei und das soll nichts sagen das bezahle sie später die lügt die Frau die lügt und das Mädchen das sieht der Verkäuferin an die weiß doch genau was da läuft oder nicht und es schämt sich das Mädchen und schämt sich und schweigt und möcht' noch heute im Schweigen ersticken der Kloß geht nicht weg im Hals die Scheiße im Hirn und die Frau die Frau ist schwanger und säuft säuft schon vorher oder weil oder während sie schwanger geht und kauft Windeln und das Mädchen steht daneben und das fragt warum die Frau war immer dick man sieht das nicht und die Frau sagt dem Mädchen es sei für die Tochter der Tante hofft wohl noch das wird nichts mit dem neunten Kind und ist klug die Frau ist klug und doch neun Kinder die Alte die Frau des Alten hatte ja nur drei und die ist dumm die Alte aber die Frau ist klug und kriegt das neunte und die Alte bestimmt noch den Namen für das Kind nach ihren Söhnen den Namen mit gehässigem Gesicht sagt sie den Namen und das Kind heißt so schrecklich und das Mädchen liebt das Kind den jüngsten Bruder und fährt ihn spazieren jeden Tag und hasst die Schwester für ihren dümmlichen Umgang mit dem Kind dem neuen Menschen ihn an den Händen nackt aus der Badewanne zieh'n wie'n nassen Lappen und dumm lachen so dumm erniedriegend lachen ihr liebes braves Mondgesicht und sitzt später neben der Frau und dem Mädchen auf der Bank im Scheißgarten am Stinkestall und hat gemerkt das Mädchen hat Blut und sagt ironisch die Frau müsse es nun aufklären das dumme Weib die Heuchelschwester die Frau sagt nichts kriegt wohl das Kotzen nach neun Kindern und das Mädchen weiß noch lange nichts nach Monaten nicht und der Bruder gibt ihr die Bravo einzige Quelle der liebe der gute der Bruder der schwache gehänselt drei auf einen drei Scheißbrüder auf einen und das Mädchen schreit und fühlt und weiß nicht warum es nur da fühlt bei ihm noch jetzt nur da und beim jüngsten doch da kommt nichts mehr da ist alles tot Perlen vor die Säue geliebt hat ihn das Mädchen und dann kommt nichts wieder und warum warum das schreiben jetzt die Nacht um die Ohren schlagen das schreiben jetzt das läuft wie Wasser 'raus warum das jetzt an Ostern Ostern 1989 schon Morgen jetzt so unverschämt Morgen und die Vögel die Vögel erwachen sanft laue Luft haucht von draußen so frisch und morgendunkelblau schon der Himmel und die Vögel und die Ruhe sonst und die Ruhe hier und das mitten in der Stadt und wie es rauscht im Hintergrund anheimelnd wie Meer rauscht und blau der Himmel so unfassbar blau und schön muss der Tag werden blau und leise und blau und sanft und blau und warm und warum das jetzt diese Scheiße im Kopf an Ostern und das Mädchen denkt Mai immer nur Mai für das Mädchen nur Mai der Mai und das Mädchen das Mädchen im Mai und denkt Maiglöckchen und Mai Mai Mai das Mädchen das Maimädchen geboren im Mai Mitte Mai Mittemaimädchen immer wieder Mai geboren im Mai tausendmal im Mai geboren das Maimädchen im Mai und tausendmal Mai für das Maimädchen bis einmal gewollt im Mai im Mittemai aber ist Märzostern Maimärzostern Märzauferstehung Maiauferstehung Maimädchenauferstehung Ostern des Mädchens Geburt hat eine Mutter: das Mädchen - das Mädchen hat ein Kind: das Mädchen - das Mädchen eine Mutter: das Mädchen, nicht die Frau, das Mädchen gebiert das Mädchen aus der Scheiße wohin die Vögel das Blaue durch das Weiße und das schreit nach Leben das schreit das gebiert das will 'raus und krampft und krampft den Kloß und krampft sich gefangen und kotzt sich selbst aus wohin Punkt.

Und das duscht sich nicht weg und das säuft sich nicht weg und das bumst sich nicht weg und das raucht sich nicht weg und das weint sich in Meere von Tränen von Tränen.

Wenn nur einmal ein Schritt leicht wäre wie Tanz ist so leicht und nicht schwer voller Kraft als schöbe ich beim Gehen mit jedem Schritt die Erde hinter mir weg wie dicken Morast behaftet mit eurem Geruch so modrig und alt und so tot wie das Watt nach Tod riecht in diesem Jahr. Die Ankunft am Meer voll Todesgeruch. Geh' nicht bei Ebbe ans Meer wenn du spürst dass es stirbt stirbst du mit ist ja auch mein Tod und mein Dreck und kommt alles zurück ... doch geh' nur geh' nur bei Ebbe ans Meer dass du spürst wo du lebst wo du stirbst und die Flut spuckt dich aus mit Gewalt und weicht dir die Brandung die Knie dass du fühlst wie dein Widerstand Tod ist lass los und du fühlst wie du lebst wenn du mitgehst.

Urlaub auf Amrum. Herausgerissen. Drei Tage Trauer. Jeden Tag dieser Weg am Meer entlang, diesen Geruch nach Verwesung in der Nase. Dabei ist Amrum so sauber. Jeden Tag diesen Kloß im Hals und Tränen in den Augen, dieses Gefühl von Sterben, dieser Tod ist so fremd, da gehör' ich nicht hin, nicht in diesem Jahr voller Leben, da gehör' ich nicht hin - Berge von Meeressalat, grün und glitschig und faulig. Die meisten Menschen bleiben genau dort, wo es stinkt nach Verwesung. Jeden Tag dieser Weg durch den Tod bis zum reinen Kniepsand ... unendlich und weit. Meine Füße wehren sich, durch diesen Morast zu gehen. So fremd dieser Tod.

Aber ich wähle immer wieder diesen Weg. Und gehe nicht über die gepflegten Bohlenwege durch die Dünen, abseits vom Meer, um dann geradewegs zum Kniep hinunterzugehen. Ich könnte diesen Morast umgehen, ihn vermeiden, diesen Ort, wo die Kinder im krank wirkenden, schwarzen, modrigen Schlick graben.

Dann komme ich an. Am dritten Tag komme ich an. Endlich. Meine Füße fürchten die Berührung nicht mehr. Was hier nach Sterben riecht, ist auch mein Sterben. Ich bin Teil dieser Erde. Teil dieses zerbrechlichen, empfindlichen Systems. Und ich ziehe meine Schuhe aus. Und ich fühle mit jedem Schritt, wie unheimlich, wie nah dieser Verbund ist. Was hier stirbt, stirbt auch in mir. Was hier lebt, lebt auch in mir. Und ich spüre mit jedem Schritt, wie sich dieses Stück Erde über meine Haut mit meinem Körper verbindet. Ich bin angekommen ...


Ich bin angekommen ...

Der Wind ist mir nicht mehr zu kühl ...

Nach und nach übergebe ich meinen Körper dieser Insel.

Das Gehen verselbstständigt sich im Kniepsand.

Diese wüstenartige Landschaft.

Mühelos passt sich das Gehen den Bodenbeschaffenheiten an. Wie die Füße wegrutschen ... im Weichen und Feinen. Wie sie sanft gehalten werden ... im Festeren, Feuchten.

Vereinzelt Menschen. Wüstenwanderer.

Vereinzelt kleine Kunstwerke aus Sand. Ein indischer Elefant liegt solide und schwer da. Mit Händen geformt aus dem, was vorhanden ist. In das hinein, was vorhanden ist. Eine mit Muscheln geschmückte Satteldecke auf dem Rücken tragend, eine Perlenkette aus Steinen und Muscheln liebevoll um die Stirn arrangiert, die in Muße gewachsene Sorgfalt spürbar. Um einiges weiter drei Pyramiden aus Sand. Präzise in den Proportionen. Ägyptisches Ambiente ...

Müßiggang.

Meinen Standort verlassen und leer werden.

Ich übergebe mich dieser Erde.

Ich überlasse mich dieser Erde.

Ich lege mein Buch weg -

Auf dem Rücken liegend spüre ich an jedem Punkt meines Körpers die Nähe zur Erde. Kontakt. Ein leichter Wind weht und haucht über meine Haut. Es ist, als bewegten sich die Sonnenstrahlen mit dem Wind. Die Sonne zeichnet Figuren auf meinen Bauch. Zeichen - geheimnisvoll. Spiralen. Kreise. Schlangenlinien. Mit mühlosem Strich ... Zeichnet mir Glück auf den Bauch ... und ich habe das Sterben nicht vergessen. Sie zeichnet mir Glück auf den Bauch. Mit weichem Pinsel nur Glück auf den Bauch eine Kugel voll Wärme und Licht und der Wind der haucht sacht und er spielt auf der Haut ein Klavier eine Harfe und spielt mit den Brüsten und spielt mit der Scham und malt auf der Haut ... und der Wind ... führt die Strahlen der Sonne von den Zehen über den Bauch bis zur Stirn ... als nähme die Erde mit ihren Genossen mich auf in einen neuen Raum ... und ich habe das Sterben nicht vergessen.

Mit dem Rad in den Norden der Insel. Nach Odde. Ein streng geschütztes Gebiet. Vogelschutzgebiet. Eingezäunt. Abgeschirmt. Die Dünen hier - nur wenig bewachsen. Anfällig. Für Eingriffe von außen. Verletzlich. Dieser Ort ist Zwischenstation. Millionen Zugvögel nutzen ihn als letzte Rast und Nahrungsquelle vor ihrem großen Flug. Dieser Ort lässt mich zurück - mit einem Gefühl der Fremde. Selbst Fußspuren auf dem Weg stören. Hier gehört kein Mensch hin. Hier ist Raum für anderes Leben. Der übliche zivilisatorische Drang, alles gesehen haben zu müssen, scheint hier unangebracht. Diese Landschaft schickt mich zurück. Umkehren. Verbotenen Raum betreten zu haben - auf erlaubten Wegen. Umkehren. Leere. Keine Besichtigung. Keine Wattwanderung. Keine Störung.

Gibt es auf dieser kleinen Insel einen Ort, der für mich da ist? Der schilfbewachsene See in den Dünen vielleicht, der irgendwann vor nicht sehr vielen Jahren an die Oberfläche trat? Ein junger See, lebendig, gewachsen. Aus Grundwasser herausgewachsen. Neu, frisch. Der Blick auf diese üppige Wasserlandschaft mit den vielfältigen Entenarten und den dann und wann auftauchenden hübschen Fasanenmännchen - Ruhe für die Augen. Menschen, die Enten füttern. Als befänden sie sich in einem städtischen Park. Einflußnahme. Überflüssig. Unangebracht.

Was bleibt - der Kniepsand - unweit vom See. Hier den weiten Weg bis zum Meer gehen. Zurückschauen in die großzügigen Dünen. Dem Meer entgegengehen, allmählich, sehr langsam, ihm näherkommen, um dann in der Brandung die Kraft zu spüren, mit der Kraft zu spielen, die mich hinspült, wo ich nicht hinwill. Als sei das Meer unablässig damit beschäftigt, Fremdkörper abzustoßen, mir den eigenen Tod ins Gesicht zu spucken. Meinen Widerstand aufgeben dann. In der Bewegung der Flut schwimmen. Aufmerksam im Grenzbereich der Angst, ob es gelingt, mich in den Rhythmus der Wellen einzufinden ... Und ich will das Sterben nicht vergessen.




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