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Ich kann nicht mehr so gut hören. Seit einiger Zeit schon. Kürzlich saß ich zum Beispiel im Kreis von Kollegen und hörte schier gar nichts von dem, was gesprochen wurde, ich sah lediglich, wie sich die Münder, Lippen und manche Muskeln in ihren Gesichtern bewegten. Wenn jemand lacht, kann man das ja an den Gesichtsmuskeln sehen, auch wenn man nichts hört. Ein komisches Gefühl, und dann die Anstrengung, dass es niemand merkt. Schließlich will ich ja nicht als behindert gelten, noch nicht.
Seltsamerweise tritt das Phänomen nicht immer auf. Bestimmte Töne und Geräusche höre ich so klar wie auch früher schon. Wenn ich in der Straßenbahn sitze, die in Köln über den Ring zum Ebertplatz fährt, um nur ein Beispiel zu nennen, beginnt sie an einer ganz bestimmten Stelle, in einer Kurve nämlich, sehr intensiv zu quietschen. Ich mache nicht einmal einen Hehl daraus, dass ich solche Geräusche sehr mag, wo sich andere entsetzt die Ohren zuhalten. Ich liebe das einfach. Oder eine Rolltreppe zur U-Bahn am Friesenplatz in Köln gibt auch immer einen kurzen Quietschton von sich, wenn sie startet, und das kann ich gut hören, auch heute noch. Für mich ist das Weltmusik. Ein anderes Beispiel ist, wenn ich im Bett liege und in der Ferne die Güterzüge über die Südbrücke fahren höre: Dann ist kein Problem mit meinem Gehör feststellbar.
Ich habe nun wirklich versucht, es eingehend zu analysieren. Anfangs dachte ich, es liege an der Lautstärke oder Frequenz von Geräuschen und bin zum Ohrenarzt gegangen, um im schlechtesten Falle ein Hörgerät verpasst zu bekommen. In meinem Alter eigentlich eine Schande. Aber der Ohrenarzt fand keinerlei physische Ursachen oder Defekte an meinen Ohren und weigerte sich, mir ein Gerät zu verschreiben, das mein Gehör unterstützen könnte. "Vielleicht geht's wieder vorbei," meinte er nur, nannte mir aber immerhin noch einen anderen Spezialisten. Ich habe dann erst noch einmal selbst versucht, die Angelegenheit genau zu beobachten und zu analysieren. An einem Morgen wurde ich früh durch das vorsichtige Piepsen junger Vögel im Innenhof geweckt, konnte aber dann beim Verlassen meiner Wohnung die engagierten Kommentare meines Nachbarn zu irgendetwas schlichtweg nicht verstehen. Völlig verwirrt habe ich dann einfach nur genickt und ihm einen schönen Tag gewünscht. So weit bin ich nun doch noch nicht, dass ich zu meiner Hörschwäche stehe. Schließlich will ich nicht unbedingt, dass die Menschen um mich herum beginnen zu schreien. Erst möchte ich wissen, woran es wirklich liegt. Seit ein paar Tagen habe ich deshalb begonnen, eine Statistik zu führen über Geräusche, die ich problemlos wahrnehmen kann und solche Erfahrungen, von denen ich nur weiß, dass sie irgendwelche Geräusche wie Sprechen sind, ich sie aber nicht hören kann. Noch geben mir meine statistischen Untersuchungen keine wirklich hilfreichen und stichhaltigen Anhaltspunkte für das Phänomen. Ich hatte ja schon gedacht, ich könnte nur Menschen nicht mehr hören, alles andere aber wohl. Dem ist aber eben nicht so. Auf der Straße begegnete ich zum Beispiel gestern einer Mutter, die ihr Kind an der Hand hinter sich herzog. Das Mädchen wimmerte ganz leise vor sich hin, das konnte ich sehr deutlich hören. Wenn mein Freund mit mir redet, kann ich meistens auch verstehen, was er sagt. Er meint übrigens, das wäre alles nur Überlastung und ich sollte mal richtig ausspannen und vielleicht mal wieder mehr Entspannungstechniken anwenden, das wäre sicher vornehmlich psychisch bedingt. Irgendwie will ich meinen alten Coach aber auch nicht mit dieser Lappalie belästigen. Oder, um ein anderes Besipiel zu nennen, wenn der Busfahrer die Tür aufmacht und es dieses leise Hydraulikgeräusch bbbffff gibt, kann ich das auch deutlich hören. Sogar die Pappelblätter im Wind höre ich rascheln. Es kann also nicht an der Lautstärke liegen, das ist mir inzwischen klar.
Heute hatte ich dann den Termin bei dem Gehör-Spezialisten. Er hat sich wirklich Mühe gegeben und mehrere Stunden Untersuchungen und Tests durchgeführt, aber ich konnte schon an seinem Gesicht ablesen, dass er ratlos war, auch wenn ich noch auf die definitiven Auswertungen warten muss. So etwas wird ja vielleicht auch vererbt, habe ich gedacht und einmal in meiner Familiengeschichte gestöbert. Da fiel mir dann irgendwann ein Bild meines Großvaters in die Hände und ich erinnerte mich, dass er manchmal da saß und seine Zeitung las oder auch nur die Hände über dem Bauch verschränkt hatte und schlichtweg nichts von dem hörte, was man ihm sagte. Da hatte ich immer das Gefühl, er hört nur bestimmte Dinge. Aber da war er auch schon 90 Jahre alt, und ich bin gerade mal halb so alt. Das stimmt mich doch skeptisch.
Lieber weite ich meine statistischen Untersuchungen noch etwas aus. Musik zum Beispiel. Die Schallwellen mancher Sender im Radio kommen in meinem Gehör offenbar gar nicht an. Ich dachte schon, der Tuner wäre kaputt, aber mein Freund hat dann schnell die Lautstärke runtergedreht, als ich mit einem meiner Tests beschäftigt war. Aber wenn ich eine CD oder Schallplatte auflege, habe ich meistens kein Problem mit dem Hören. Mein Freund interessiert sich übrigens sehr für Politik und verfolgt die diversesten Reportagen. Das ist wirklich schrecklich für mich, denn ich höre immer nur einzelne Fetzen, völlig aus dem Zusammenhang heraus gerissen. Stellen Sie sich das vor, nur Fetzen wie "...nur Wahlkampfstrategie ... unsolidarisch ... unsere amerikanischen Freunde ... Verteidigung ...Krieg ... Irak ... Freiheit ... Beschränkung ... Arbeitslosigkeit ... wirtschaftlich ... Katastrophe ... Zuwanderung ... Sicherheit ..." Da soll einer nicht verrückt werden. Wenn mein Freund mir nicht mühevoll manches im Zusammenhang schildern würde, ich weiß nicht, ob ich nicht verzweifeln würde. Er meint übrigens, es sei auch für ihn ein gutes Training, mir zu schildern, was da so abgeht an der Flimmerkiste. Manches muss er allerdings aufschreiben, weil ich es aus seinem Munde gesprochen einfach akustisch nicht wahrnehmen kann. Ich habe es inzwischen aufgegeben, mit ihm weitere Tests zu unternehmen. Wenn er mir nämlich total leise etwas ins Ohr flüstert, gibt es kein Problem mit meinem Gehör.
Aber ich würde wirklich gern die Ursache für meine Hörschwäche finden. Schließlich gibt es durchaus peinliche Situationen. Neulich passierte es, dass ein gut angezogener Herr auf der Straße seine Lippen bewegte und ich ihm einen Euro in die Hand drückte. Er schubste mich danach heftig empört weg, sodass ich fast auf die Straße gefallen wäre. Offenbar hatte ich etwas missverstanden.
12. September 2002
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