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 Olli for President?




Endlich weiß ich, warum es heute so unermüdlich regnet: "Seine Tränen weint ganz Deutschland" grinst mich die Schlagzeile am Kiosk an. Endlich haben wir wieder einen. Einen, der als Identifikationsfigur für die ganze Bonndesrepublik dient, ach nein für die ganze Nation, dieser Begriff ist ja schließlich wieder salonfähig geworden wie so viele andere auch. "Die ganze Nation kann stolz sein", blästert und röhrt da ein Hörer ins Radiotelefon. Hat eigentlich Asamoah die deutsche Staatsbürgerschaft? Oder Jeremiz? Oder Neuville? Egal. Endlich haben wir wieder einen, der stark genug ist, die meisten Angriffe abzuwehren, einen, ohne den wir nicht so weit wären, wie wir sind. Da ist es doch nur verständlich, dass die finanziell durchaus angeknackste Deutsche Bank jedem Spieler 70.000 Euro schenkt, wie ich am Rande hörte. Ich selbst überlege ja schließlich auch gerade, wie viel ich für das brasilianische Frauenprojekt gegen Hunger spende.

Endlich haben wir wieder einen, der wie ein Wolf da steht und die Zähne fletscht. Ob der auch beißt, wenn es drauf ankommt? Einen, der nach so einem Spiel seine philosophischen Betrachtungen zur Erbauung der mehr oder weniger oder sehr begeisterten Zuschauer ablässt, ob sie es hören wollen oder nicht. Mit Boris Becker war das ja nicht so ganz zu machen, der musste ja seinen Kinnladen immer runterfallen lassen, da redet es sich nicht so gut. Trotzdem hieß es damals "Entdecke den Boris in dir!" So rufen wir doch heute einfach "Entdecke den Kahn in Dir!" Dann ist die Pisastudie - die ich übrigens zuerst einmal den von 100 %-igen Chancen daherredenden Fußballkommentatoren zum Einstieg in sprachlogische Weiterbildungsaktivitäten empfehlen würde - und so manch anderes schnell vergessen und wir erringen in Nullkommanichts den Platz eins der Weltrangliste der Zähne fletschenden Urgeister. Da erzählte doch einer der Sandkastenkameraden, dass der große Kahn so erfolgreich ist, weil er sich alles selbst hart erarbeiten musste und dass der Kahn sich wünscht, mal für seine Leistung geliebt zu werden. Ja, ich kenne das. Ich habe mir auch das meiste selbst erkämpft und mir dabei so einen stacheligen wehrhaften Igelpelz zugelegt, bis ich dann mal begriffen hab, dass ich im tiefsten Innern ein Versagertyp bin und nur Angst hatte, dass mir alles zerbricht, dass ich eben versage und nicht gut genug bin. Da sind dann so ein paar Stacheln abgefallen, und ich bin halt nicht Fußballprofi geworden. Na ja, aber ich wollte ja über Olli Kahn weinen, ähm schreiben.

Endlich kommt sie mal wieder an die Oberfläche, diese Sehnsucht der Volksgenossen - darf man das auch schon wieder sagen? - nach dem einen starken Kerl, der es schon richtet und unseren! Erfolg sichert. Schließlich ist er für den Mannschaftsgeist zuständig mit seinen Fletschzähnen. Die Kehrseite ist natürlich, dass wir endlich auch einen haben, der es als Einziger Schuld ist, wenn die Brasilianer zwei Tore schießen. Dass da noch mindestens zwei andere Kerle der Abwehr ziemlich dämlich und untätig rumstanden und bewegungslos zusahen, dass dem großen Kahn der Ball von den Fingern flutschte und Ronaldo ungestört nachsetzen konnte, hab wohl nur ich gesehen. Und dass da in diesen ansonsten schönen Konterspielen mehrfach ein gewisser Herr Frings meinte, er könne das gegnerische Tor aus 50 m - vielleicht warns ja auch nur 30 m - Entfernung treffen, anstatt andere dran zu lassen, da ist der Kahn auch für verantwortlich, nehm ich mal an. Und dass der Ronaldo einfach gut schießen kann - ach, wen interessiert es...

Eigentlich interessiert mich ja auch Fußball gar nicht, aber ich weiß, was ein Abseits ist. Und hier in der Bonndesrepublik scheint mir so manches im Abseits zu stehen, vielleicht ja auch nur ich.

Ach ja, der Kioskbesitzer hat sich das Spiel nicht angeschaut, weil ihn das Theater ankotzt. Der steht wahrscheinlich auch im Abseits. Und ich wünsch mir manchmal die weniger nationalistische aber smarte und treffsichere Littibanane zurück.

01. Juli 2002



© Copyright Christine Sturm, www.christinesturm.de, Mail: info@christinesturm.de



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